- Artikel-Nr.: 130008.1
Oh, man kann mir nichts vormachen! Das Grauen geht um in unserer kleinen, einst so behaglichen Stadt. Ich habe Angst hinauszugehen, und wenn ich es nicht vermeiden kann, tu ich’s bei Tag, wenn die Sonne scheint. Aber auch das ist nicht ungefährlich, denn Sonnenstrahlen lassen mein hübsches, rotes Haar in einem verführerischen Glanz erscheinen, der den Männern auffällt und sogar die Aufmerksamkeit von Kindern und Frauen erregt. Mein dichtes, rotes Haar fällt wirklich auf. Neulich, als ich in der Frühe Wasser aus dem Brunnen holte, wäre ich beinah überfallen worden. Ich konnte mich eben noch aus dem eisernen Griff des Unholds befreien und ins Haus flüchten. Seitdem verlasse ich mein Haus nur zu Zeiten, wenn viele Leute unterwegs sind und helles Tageslicht für meine Sicherheit bürgt. Ich bin die zweite Frau, die überfallen wurde. Die erste, die dem Unbekannten zum Opfer fiel, lebt nicht mehr.
Ob ich von so grausigen Dingen nicht besser schwiege?
Da ich mit kaum vierundzwanzig nicht schon unter die Erde will, bin ich von nun an vorsichtig. Es versteht sich, daß ich die Gendarmerie verständigte und unseren jungen Pfarrer einweihte, welch schrecklicher Vorfall mich verstört hat. Aber die Honoratioren und Offiziellen unserer Stadt scheinen an meinem Fall nicht sonderlich interessiert zu sein, es bekümmert sie nicht, was mir passiert ist. Immer treffe ich auf spöttisches Lächeln, Ausreden, sogar auf Entschuldigungen für den Unhold. Ich möchte wirklich wissen, wer der Übeltäter war, ob er von hier stammt, aus dem Nachbardorf oder von anderswo. Darüber will keiner sich Gedanken machen. Aber man soll mir nichts erzählen!
Es gibt sicher einige, die Bescheid wissen, die sogar Einzelheiten kennen. Es würde mich nicht wundern, wenn der Mörder jemand aus den ersten Häusern unserer Stadt wäre. „Guten Morgen, Erika!“
Ach, es grüßt mich Johanna, die Haushälterin des Pfarrers. Wie ungewöhnlich freundlich sie ist! Da steckt sicher irgendwas dahinter, denn lange Zeit hat sie mich gar nicht beachtet. Wir leben hier in einer Kleinstadt, und die Zeiten sind so merkwürdig, daß jeder an irgend einen Aberglauben gefesselt ist, was natürlich niemand zugibt. Selbst der Herr Pfarrer . . . Aber ich will über ihn nichts Falsches berichten, nur daß es Gerüchte gibt, die besagen, er habe Beziehungen zu überirdischen Mächten. Ob was dran ist, an dem Gerede? Genaues weiß niemand, ich kann gar nichts ausschließen.